Buch der Woche 07.01.2013 bis 13.01.2013

Das Land des Lachens

LachenAutor: Jonathan Carroll
Verlag: Suhrkamp/Insel Verlag
Umfang: 243 Seiten
ISBN: 3458165879
Preis: variiert, da nur noch antiquarisch erhältlich

Es ist still geworden um den Amerikanischen Autor Jonathan Carroll – zumindest hier zu Lande. Nachdem der Eichborn Verlag im Jahr 2003 seinen Roman »The Wooden Sea« (»Das hölzerne Meer«) veröffentlicht hatte, wurden nachfolgenden Titel, von denen es bisher immerhin drei gibt, nicht mehr ins Deutsche übersetzt; und auch bereits erschienene Bücher erlebten keine Neuauflage mehr, obwohl Carrolls Werke zum Anspruchsvollsten gezählt werden muss, was die modere Phantastik zu bieten hat.
Nicht umsonst bemühte sich einstmals der Genre-Kenner Franz Rottensteiner darum, den Autor, der sein Domizil in Wien gefunden hatte, im Suhrkamp/Insel Verlag in der Reihe »Phantastische Bibliothek« unterzubringen. »Das Land des Lachens« wurde so sein deutsches Debüt.
Auch Außerhalb dieses Rahmens erfolgten Publikationen; im Suhrkamp/Insel Verlag wurden so zwischen 1986 bis 1995 sechs Titel von Jonathan Carroll auf Deutsch herausgebracht. Dazwischen, im Jahr 1993, kam die Novelle »Schwarzer Cocktail« im Heyne Verlag heraus.
Danach trat eine vierjährige Pause ein, bis 1999 im Europa Verlag »Pauline, umschwärmt« publiziert wurde; 2002 »Fieberglas« und schließlich 2003 »Das hölzerne Meer« (beide bei Eichborn), wonach der Autor im deutschsprachigen Raum von der Bildfläche verschwand.

Jonathan Carroll wurde 1949 in New York geboren und war der Sohn bekannter und kreativer Eltern: sein Vater der Drehbuchautor Sidney Carroll, seine Mutter Schauspielerin, Sängerin und Lyrikerin.
Nachdem er 1971 das Studium an der Rutgers University mit Auszeichnung bestanden hatte, heiratet er noch im selben Jahr die Künstlerin Beverly Schreiner.
Als Englischlehrer arbeitete er an diversen Amerikanischen Schulen, bevor es ihm an die American International School in Wien zog, wo er heute noch tätig ist.

Für den Großteil der Carroll-Leserschaft dürfte wohl »Das Land des Lachens« das ultimative Werk des Autors darstellen. Auf gekonnte Weise lässt der Autor das Phantastische unmerklich in die Welt der Protagonisten einfließen.
Thomas Abbey ist Lehrer für Englische Literatur an einer Schule. Sein Leben verlief bisher immer im Schatten seines Vaters, der ein berühmter Schauspieler war.
Thomas hat eine Vorliebe für Masken, die er in seiner Wohnung sammelt und die meist der Grund dafür sind, dass die holde Frauenwelt – einmal etwas näher gekommen – schnell wieder auf Distanz geht. Und er mag – liebt – die Bücher von Marshall France.
Ganz besäßen ist er von dem Autor, der zwar bereits tot, aber durch seine Bücher immer noch lebending scheint. Und so nimmt es dann auch nicht wunder, dass er, nachdem er in einem Antiquariat ein seltenes Buch von diesem entdeckt, es unbedingt haben muss – doch leider ist es schon verkauft.
Thomas setzt alles daran, es demjenigen abzukaufen und lernt dabei die Marionettensschnitzerin Saxony kennen. Es ist nicht Liebe auf den ersten Blick, doch nachdem sich Thomas dazu entschlossen hat eine Biographie über Marshall France zu verfassen und einigen Diskussionen mit Saxony, die sich unbedingt daran beteiligen will, kommen sich die beiden schlagartig näher.
Für weitere Recherchen wollen sie Galen aufsuchen, eine kleine Stadt, in der France bis zu seinem Tode lebte und wo jetzt noch seine Tochter Anna wohnt.

Bereits auf in diesen ersteren Abschnitten tritt zu Tage, wie gut es Carroll gelingt, Charaktere »mit Seele« zu schaffen.
Thomas Abbey ist ein Mann, der von seiner Umwelt gelangweilt und genervt ist. Die Berühmtheit seines Vaters erscheint ihn oft als Last, da er sich immer verdammt sieht in dessen Schatten zu stehen. Saxony Gardener wiederum tritt als resolute Frau in Erscheinung, hinter deren etwas kratzbürstigen Verhalten sich aber ein sehr emotionales Wesen verbirgt.
Beide Protagonisten werden mit ihren Marotten (Marionetten- und Maskenliebhaber), viel Humor und menschlicher Wärme geschildert. Für dem Leser ist es somit nicht schwer, mit beiden warm zu werden.
Für Jonathan Carroll scheint dann auch die Schilderung des Phantastischen weniger von Bedeutung, als das Zusammenleben von Thomas und Saxony, was deutlich wird, nachdem die beiden in Galen eintreffen.
Dort suchen sie die Tochter von France auf und nach einigem Hin und Her, wird ihnen die Erlaubnis erteilt, die Biographie zu schreiben, obwohl Anna ein solches Ansinnen bisher immer abgewehrt hat.
Schon zuvor, wenige Tage nach ihrer Ankunft, gab es ein seltsames Vorkommnis: Ein kleiner Junge wurde von einem Auto angefahren, doch statt schockiert zu sein, ist es den Bewohner wichtiger, wie sich der Junge in seinen letzten Minuten vor den Unfall verhalten hat.
Darüber hinaus muss Thomas feststellen, dass es viele Geheimnisse im Leben von Marshall France geben hat; und immer tiefer dringt er in diesen Abgrund vor. Was hat es mit den merkwürdigen Einwohner von Galen und ihren Hunden auf sich? Wer war Marshall France wirklich und was führt seine undurchschaubare Tocher im Schilde? Die Wahrheit sprengt jede Vorstellungskraft! Thomas und Saxony sind teil eines rätselhaften und schrecklichen Plans!

Wie schon zuvor erwähnt, schleicht sich das Phantastische auf leisen Sohlen in die Geschichte ein und verwandelt die Kleinstadt Galen in einen Hort der Wunder und Schrecken, von denen hauptsächlich Thomas viel zu Gesicht bekommt, da ihm eine wichtige Rolle zugeschrieben scheint. Das dabei nicht alles wie eitel Sonnenschein daherkommt, merkt er zwar, doch kann er sich von den Ereignissen nicht lösen.
Es wird zugegebenermaßen nicht direkt angesprochen, doch mutet der Fakt, dass Thomas nun im Mittelpunkt des Geschehens steht, wie ein Befreiungsschlag gegenüber der Berühmtheit seines Vaters an. Er ist nun das Non-Plus-Ultra von dem alles in diesem Plan abhängt. Gleichzeitig scheint ihm aber auch die drohende Gefahr unterschwellig bewusst zu sein.
Die Vorlieben der beiden Protagonisten für Masken und Marionetten spiegeln sich ebenfalls in den Bewohnern von Galen wieder, sind diese doch von einer speziellen »Kraft« abhängig wie eben eine Marionette von der ihres Führer. Und nichts ist in dem Ort so wie es scheint; eine Maske verbirgt die ungeheuerliche Wahrheit.
»Das Land des Lachens« ist nicht nur ein phantastischer sondern auch einfühlsamer und menschlicher Roman in dem sich der Leser selbst zu einem Großteil wiedererkennen dürfte.
Dem Autor gelingt es mühelos, geradezu spielerisch, in die Welt des Buches zu entführen. Dabei bedient er sich eines klaren Stils und bekannter Bilder, ohne ins Triviale abzugleiten, sondern um Fragen, wie nach der Gültigkeit der Existenz und den Wert der Phantasie so zu verpacken, dass der Leser kein Philosophiestudium benötigt, um zu verstehen, was erzählt wird.
Jonathan Carroll verbindet so außergewöhnlichen Ideenreichtum und eine geschliffen Art zu erzählen, zu einen wundervollen Roman, der als ein Klassiker der modernen Phantastik gelten muss!

Bildquelle: Eigenes Foto des Buches

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