Buch der Woche 14.01.2012 bis 20.01.2012

Arme_kleine_OpheliaTitel: Lalu Lalula, arme kleine Ophelia
Autor: Fanny Morweiser
Verlag: Diogenes Verlag
Umfang: 166 Seiten
ISBN: 9783257206081
Preis: 8,90 €

»Fanny Morweisers Texte haben in der deutschen Gegenwartsliteratur sicher Einmaligkeitscharakter.«
(Die Magie der Außenseiter: Die Autorin Fanny Morweiser von Martin Strasser, Phase X Nr. 7, Atlantis Verlag, 2010)

Diese Feststellung des Phantastik-Kenners Martin Strasser mag auf den ersten Blick exzessiv erscheinen, kommt man jedoch mit den Geschichten und Romanen der Autorin in Berührung, so ist der Zwang, die gleiche Haltung zu einzunehmen, unabwendbar.
Bereits ihr Debüt Lalu Lalula, arme kleine Ophelia verdeutlicht die hohe Erzählkunst der Fanny Morweiser auf das Beeindruckenste; das Schicksal eines Einzelnen wird auf die ein oder andere Weise zum Nemesis für die Menschen, mit der sie in Berührung kommt.

Vor zwei Jahren wurde Martha in einem verfallen Haus von einem Arbeiter gefunden, wirr vor sich her plappernd und krank. Eine alte Frau lass von ihr in der Zeitung und nahm sie zu sich. Die Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Krankheit sind ausgelöscht.
Eines Tages bekommen die beiden einen Brief von der Schwerster der alten Frau. Charlotte, so ihr Name, ist ein ruheloser Geist, der umherzieht und von dem Verkauf von Horroskopen lebt.
Sie lädt die beiden ein, zu ihr in die Stadt G. zu kommen, wo sie im Haus des merkwürdigen Herrn Sebastian untergekommen ist.
Da die alte Frau sich nicht wohl fühlt, muss Martha allein fahren. In dem Haus, das sich schon bald als ein privates Sanatorium für Menschen herausstellt, die von der »normalen« Gesellschaft ob ihres Verhaltens und Aussehens nie akzeptiert werden würden, wir ihr von dem unheimlichen und buckeligen Herrn Sebastian die Wahrheit über ihr Leben vor der Amnesie erzählt.

Sofort wird dem Leser der höchst melancholische Duktus, der bis zum Ende auch durchgehalten wird, auffallen. Zeitweise wirkt er sogar höchst elegisch. Hinzu kommen die biedere, von einer drückenden Atmosphäre durchwirkten Umgebung, in der die Protagonistin lebt.
Ebenfalls eine höchst frappierenden Eindruck hinterlassen die Insassen des Sanatoriums. Darunter ein liebenswürdiger Kerl, der sich für einen Kapitän hält, eine Frau, deren Gesicht so hässlich ist, dass sie nur »Die Kröte« genannt wird, und ein Mensch, der sich wie ein Hund verhält.
Es sind diese Figuren, die Verkörperung der Andersartigkeit, das Denken in fremden Bahnen abseits der hochgehaltenen Norm, an der sich jeder Mensch in der Gesellschaft messen lassen muss, die eine Quintessenz in Lalu Lalula, arme kleine Ophelia ist.
Zum Anderen verkörpern besagte Figuren, zweifellos in extremer Form und jede auf ihre Art, die Verschrobenheit eines jeden Menschen und halten somit dem Leser einen Spiegel vor, in dem er sich selbst irgendwo wiedererkennen dürfte.

Die weiteren Begebenheiten werden in einer Binnenerzählung fortgeführt, in der zu Tage tritt, dass Martha eigentlich Ophelia heißt und als Jugendliche von den Erzählungen des Herrn Sebastian über dessen Vater, der ein Mörder war, vergiftet wurde. Damals studiert Sebastian noch in Ophelias Stadt und die beiden trafen sich immer des Nachts im Haus an der Schleuse – das Haus von Sebastians Vaters.
Später begab es sich, dass Ophelia ihre Mutter, die nicht Schwimmen konnte, ins Wasser lockte und dort kläglich ertrinken ließ. Ihr Vater sperrte sie darauf hin in ein Zimmer unter dem Dach, wo sie in einen Sarg schlafen und nur über einen Balkon die Außenwelt betrachten konnte.
Als jedoch Globetrotter Arthur Ophelia dort vom Nachbarhaus aus stehen sieht, verliebt er sich in sie. Das Unglück nimmt seinen Lauf…

Lalu Lalula, arme kleine Ophelia wird im Untertitel als Eine unheimliche Liebesgeschichte beschrieben. Eine Darstellung, die insofern richtig ist, als das sich fast jeder männliche Charakter in Ophelia zu verlieben scheint. Nicht nur Arthur ist ihr verfallen, auch der Herr Sebastian.
Der Ursprung der mörderische Eigenart von Ophelia scheinen offenkundig die blutrünstig Geschichten des Herr Sebastian zu sein. Eine leise Spur von Zweifel bestehen jedoch, wenn Fanny Morweiser ihre Protagonistin als »traurig lächelnd« und »abwesende in Gedanken« beschreibt. Diese Schilderungen laden zu der Spekulation ein der immer noch nach Tod lechzende Geist des Vaters von Herrn Sebastian hätte sich des Mädchen bemächtigt.
Die weiteren Figuren, wie Adele, die Mutter von Arthur, oder der Vater von Ophelia passen wieder in das morweisersche Schema kauziger Individuen. Ihr Schicksal ist eng miteinander verflochten
Fanny Morweiser verbindet in diesem Roman nicht nur feinfühlig das Leben einiger Menschen mit dem Unheimlichen und Ambivalenten. Sie ist auch eine sichere Stilistin, deren erzählerischer Ton punktgenau trifft.
Lalu Lalula, arme kleine Ophelia ist somit ein melancholisches, einnehmendes und schauerliches Werk, das ohne jedwedes phantastisches Element auskommend, den Leser in einen gepolsterten Alptraum stößt. Man ist geneigt sich zu ängstigen und kuschelt sich dennoch mehr und mehr hinein.

Bildquelle: Diogenes Verlag

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