Der Tod kann mich nicht mehr überraschen

Der_Tod_kann_mich_nicht_mehr_überraschenAutor: Heike Vullriede
Verlag: Luzifer Verlag
Umfang: 231 Seiten,
Preis: 14,50 €
ISBN: 9783943408072

Das Buch von Heike Vullriede Der Tod kann mich nicht mehr überraschen nimmt im Programm des auf Phantastik spezialisierten Luzifer Verlags eine Sonderstellung ein. Es ist kein Buch in dem übernatürliche Wesen auftauchten, Monster den Menschen nach dem Leben trachten, oder Außerirdische die Weltherrschaft erringen wollten – nicht das der Luzifer Verlag solch trivialen Stoff überhaupt anbieten würde. Nein, das Werk von Heike Vullriede ist eine Schicksalsgeschichte, die jeder Mensch durchleiden könnte.

Der erfolgreiche Angestellte Marvin Abel hat die Schreckensnachricht erhalten, ein bösartiges Neoplasma wuchere in seinem Kopf, worauf man ihn in eine Klinik zur Strahlentherapie schickt. Noch mit dem Gedanken sich schnell dieser Behandlung zu unterziehen und dann wieder als gesunder Mann nach Hause zu geht, richtet sich Marvin ein. Doch so einfach ist es nicht.

Zu Beginn der Erzählung hat der Leser das Gefühl, Heike Vullriede würde nur »so nebenbei« eine Geschichte erzählen. Auf den ersten drei Seiten liegt der Protagonist in der Badewanne und übt das Sterben. Was sich geradezu wahnwitzig ließt, entpuppt sich bei fortschreitender Lektüre als ein perfides Charakteristikum, dass die Autorin immer wieder durchblitzen lässt. Doch es wird kein beiläufiger Roman erzählt, sonder das Schicksals eines Todgeweihten thematisiert.
Hinzu kommt die geradezu plastisch wirkenden Alltäglichkeiten in einer Klinik: herumhetzende Schwestern, Ärzte die sich hinter ihrem Wissen versteckend eine Maske der Kälte zugelegt haben und Besucher die alles andere wollen, als dem Kranken Mut zu schenken. All diese Dinge hat Heike Vullriede in einem kurzen Roman verpackt und löst damit im Leser eine Achterbahnfahrt der Gefühle aus. Mann ist hin und her gerissen zwischen Trauer, hysterischeren Lachen, Empörung und Sprachlosigkeit. Alle Welt hat Marvin scheinbar schon abgeschrieben. Seine Frau plappert belanglose Dinge, sein Bruder will Geld und die eigene Mutter erzählt nur von ihren Krankheiten. Der liebe Kollege kommt zu Besuch um sein wahres Gesicht zu zeigen und der Betrieb, den man jahrelang treu gedient hat, hat nichts weiter für einem übrig, als einen kurzen, nichtssagenden Anruf. Marvin Abel muss sterben, die Welt, der er sich bisher zugehörig gefühlt hat, wird ihm fremd.
Hinter all diesen Dingen steht wohl die Wahrheit, dass jeder Mensch einsam stirbt. Die Gesunden wollen nicht an Krankheit oder Tod denken; das Leben geht weiter. Es ist eine Existenz vollgestopft mit im Grunde sinnlosen Dingen im Spiegel des eigenen Todes. Und doch offenbart der Roman, dass es für den Menschen keine andere Möglichkeit gibt, denn was der Tod ist, wissen wir erst, wenn er uns ereilt; was richtiges Leben bedeutet können wir nicht einschätzen so keine allgemeingültige Formel dafür vorhanden ist. In diesem Wendekreis schlägt sich vielleicht auch der Glaube der Autorin nieder, die Mitglied der Deutschen Buddhistischen Union ist. Viele Merkmale deuten darauf hin.

Der Tod kann mich nicht mehr überraschen ist gewiss ein hoch emotionales Werk, dass wohl auch von der Autorin im Wissen um einen gegangen Freund oder Verwandten – so die Widmung im Buch schließen lässt – verfasst wurde. Aber auch ohne diesen Hinweis würde der Roman seine Wirkung nicht verfehlen. Gezeichnet wird ein bedrückendes Bild ohne Übertreibungen, dass hier nicht zu genau beschrieben sei, so man das Buch lieber selber lesen sollte.
Das manche Dinge relativiert werden ist zwar nachvollziehbar, gleichzeitig stellt es aber auch eine schmerzhafte Einsicht dar, der man sich als Mensch mit einem Ego kaum entziehen kann.
Das Ende fällt bitterböse aus und man ist versucht laut zu schreien, denn damit wird ein weiterer, wunder Nerv des Menschsein getroffen: Der Wille die Kontrolle zu behalten und dennoch dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein. Überwältigend!

Der Tod kann mich nicht mehr überraschen ist kein schönes, aber ein verdammt ehrliches Buch; kein Horror-Roman, dennoch beängstigend; ein Drama – durchaus, aber aus den wahren Leben gegriffen. Hervorragend geschrieben, bedrückend und traurig. Ein emotionaler Leckerbissen!

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